Freitag, 30. September 2011

TROP C´EST ASSEZ




zur Erinnerung an Claude Forget (1949 - 2008)

von Richard Brouillette, Québec: 1989-94



Ich kenne Gilles Groulx nur vom Hörensagen während meiner Reisen nach Québec. Man sagt, Groulx sei eine der wichtigsten Persönlichkeiten des unabhängigen Kinos in Québec gewesen. Selbst in seiner Heimat wurde es seit einem Autounfall 1981 still um ihn. Seit diesem Unfall litt Groulx an einem „frontbraintrauma“, das sein Leben entscheidend veränderte. Viele hielten ihn für tot oder senil. Aber Groulx lebte bis zu seinem Tod Ende 1994 in Altersheimen. Trotz seiner Behinderung war sein Gedächtnis noch intakt, nur Geist und Körper arbeiteten fortan wesentlich langsamer.

Ein Luchs sitzt auf einem Ast, vermutlich in seiner natürlichen Umgebung. Aus dem Off hört man einige einleitende Sätze von Richard Brouillette. Diese Einstellung wird immer wieder von kurzen Momenten der Dunkelheit unterbrochen. Es scheint so, als erinnere sich hier jemand mit Mühe an dieses Bild. Wenig später das monotone Grau eines Zimmers: auf dem Bett sieht man einen Mann mit Vollbart und langen Haaren, der älter zu sein scheint, als er ist. „Je m´appelle Gilles Groulx. Je suis - j´ai été un cinéaste.“ Dann nimmt er einen Schluck aus der Rotweinflasche. Eine Sequenz, die gleichzeitig von Resignation und Lebenswille erzählt.
Auszüge aus den Filmen Groulx brechen sich an der Trostlosigkeit dieses Zimmers. Die Ausschnitte sind wie Erinnerungen eingefügt. Von seinem Bett aus sieht Groulx aus einem Panoramafenster. An die Stelle des Films ist für ihn der Blick auf ein, durch das Fenster kadrierte, Stück Realität getreten.
Gilles Groulxs Präsenz, seine Filme und die Bilder, die er malt, seitdem die Karriere als Filmemacher durch den Unfall abrupt beendet wurde: das ist einer der die Filmgeschichte Québecs mitgeprägt hat. Ein Eindruck, der sich aber immer wieder in den Vordergrund schiebt, ist der von Einsamkeit eines Menschen. In einem Bild hebt sich der gelbe Pulli Groulx von der Kälte der grauen Wand ab. Da ist jemand, der noch lebt und sich erinnert.
In seltenen Momenten sieht man einen Ausdruck von Freude im Gesicht von Gilles Groulx: beim Hören der Musik von John Coltrane oder beim Sehen eines alten französischen Lieblingsfilms im Fernsehen. Dann, immer wieder Inserts, abgefilmte Bilder von Groulx oder Gegenstände, die jedes für sich eine Geschichte erzählen könnte. Unter anderem sieht man eine Notiz von Jean Luc Godard, von dem man die erste Zeile „Cher Gilles“ erkennen kann. Einmal erscheint er präsent, ein anderes Mal sieht man nur die Spuren seiner Identität. So erscheinen auch einige Ausschnitte, wie etwa der von der Rede eines linken Gewerkschaftsführers während einer Massendemonstration, als Zeugnis einer vergangenen Zeit. Der Gewerkschafter spricht zu den Arbeitern, die von der Geschichte inzwischen längst vergessen sind.
Die Totale des Zimmers: rechts ein schlichtes Holzregal mit den wenigen Habseligkeiten, Kassetten und Büchern. Links davon das Bett. Das sind kleine Spuren von Individualität in der anonymen Wohneinrichtung eines Altersheimes.
Gilles Groulx verläßt das Heim, um in ein anderes zu ziehen. Eine ältere und eine jüngere Frau (vielleicht sogar Frau und Tochter) helfen ihm dabei. Kartons werden gepackt. Jedes Buch wird liebevoll entstaubt. Sie stützen ihn, dessen ausgemergelte Beine ihn kaum tragen können. Um seinen hageren Körper hängt eine kleine Tasche. Der Gang aus dem Haus kostet ihm Mühe. Diese ergreifensten Momente des Films erzählen von dem Kampf um die Würde eines Menschen, dem jede noch so alltägliche Geste enorme Mühe kostet und der seine Unabhängigkeit für immer eingebüßt hat. In Gilles Groulx neuem Zimmer sieht alles freundlicher aus. Ein großes Fenster mit Ausblick ins Grüne. Davor steht ein Arbeitstisch, und das Bett.
Ein letzter Filmausschnitt in schwarz und weiß, der so etwas wie Sehnsucht hervorruft und wie ein Gegenbild zu der Situation, des fast an sein Bett gefesselten Groulx ist: eine Winterlandschaft, in der eine junge Frau Schlittschuh fährt. Ein junger Mann beobachtet sie vom Fenster eines nahegelegenen Hauses aus.
Gilles Groulx reinigt seine Pinsel und legt sich erschöpft auf das Bett. Unvermittelt beginnt die Kamera zu taumeln, wechselt unmotiviert zwischen den Brennweiten. Dann sieht man den, der die Kamera bedient und schließlich ausschaltet.
Das menschenleere Zimmer. Noch einmal sieht man Bilder und Gegenstände, die mit Groulxs Leben zu tun hatten. Leblose Überbleibsel einer Identität. Hat der Film gerade noch von der Präsenz Groulx erzählt, erscheint plötzlich nach einem einzigen Schnitt das starke Gefühl für seine Absenz. Aus dem Off verkündet Brouillette den Tod von Gilles Groulx.
Wie gesagt, Gilles Groulx kenne ich nur vom Hörensagen. Von dem französischen Text habe ich wenig verstanden. Was ich gesehen und empfunden habe, ist mehr als eine Dokumentation über den berühmten Gilles Groulx und das Cinéma québecoise. Es geht auch um die Geschichte eines jungen Filmemachers, der sich früh für die Filme Groulxs begeisterte und im Alter von 19 Jahren sein Idol in einem Altersheim aufsuchte. Von nun an gesellte sich zu der Faszination für die Kunst die Freundschaft und die Sorge um einen kranken, einsamen Mann. „Peut-être la vie“ heißt es mehrmals in den Inserts. Richard Brouillettes Engagement wird auch darin deutlich, daß er gerade an einer Phase im Leben des Filmemachers Anteil nimmt, von dem sich der größte Teil der schnellebigen und undankbaren Filmöffentlichkeit bereits abgewandt hat.

Rüdiger Tomczak

Besonderer Dank an Claude Forget vom Verleih Cinéma Libre (Montréal ),der mich auf diesen Film aufmerksqam gemacht hat und mir eine Videokassette zur Verfügung stellte..