Freitag, 14. Oktober 2011

XIAO CHEN ZHI CHUN (Frühling in einer kleinen Stadt




von Fei Mu, China: 1948



Das ist ein Film von 1948, der verboten wurde und Jahrzehnte fast vergessen war. Fei Mus Film war bis zu seiner Wiederaufführung nur Eingeweihten bekannt und wurde 1986 im Internationalen Forum zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt. Die Geschichte des Films selbst ist zensiert durch Ignoranz oder Machtwillkür von totalitären Staaten und kapitalistischer Filmindustrie. Die einzige Wahrheit der Filmgeschichte sind die Filme selbst.
Die Kamera schwenkt durch eine Landschaft von Sträuchern, Gräsern und einem Bach. Eine Frau steht da, einsam und schweigend in ihre Gedanken versunken. Dann sieht man einen jungen Mann mit Arzttasche mit einem jungen Mädchen und einem Diener gehen. Die beiden Einstellungen scheinen sich kaum voneinander abzuheben, bis man aus dem Off die Stimme der Frau Yuewen hört, die von einer Vergangenheit erzählt, die in dem Film als Gegenwart erscheint.
Am Anfang hört man Yuewen zunächst nur aus dem Off erzählen. Sie lebt mit ihrem kranken Mann Liqan, einem alten Diener und der jungen Schwägerin Dai Xiu inmitten einer Ruinenlandschaft, in der lediglich Teile eines Hauses erhalten geblieben sind. „Ich habe keinen Mut zu sterben, er hat keinen Mut zu leben“. Damit ist eine Ehe beschrieben und zugleich ein Lebensgefühl. Die Trümmerlandschaft erzählt eine andere Geschichte. Die einst von Menschen geschaffenen Orte verfallen und befreien sich von der ursprünglichen strengen architektonischen Struktur. Der Blick kann jede Lücke, jedes Loch in den Mauern nutzen, um frei umherzuschweifen.
Von innen öffnet die Schwester Dai Xiu das Fenster ihrer Kammer. „Sie lebt in ihrer eigenen Welt“, sagt Yuewen.
Da kommt Zhang, ein junger Arzt, Freund des Ehemannes und eine frühe Liebe von Yuewen. Die beiden Männer begrüßen sich, indem sie sich gegenüberstehen und jeweils die ausgestreckten Arme des anderen halten. „Niemand wußte, daß er kommt“, hört man die Stimme von Yuewen sagen. Das ist ein kurzer Moment des glücklichen Wiedersehens, nach einer langen gemeinsamen Zeit, an die man sich erinnert.
Die Schwester singt zur Begrüßung des Gastes:

Du bist schön wie eine Rose, Dagemalya
Eines Tages ritt ich mit dem Pferd auf dem Berge.
Du hast unten am Fuß des Berges gesungen.
Deine Stimme war so schön, daß ich nicht auf den Weg achtete.
Ich rollte den Berg hinunter.
Eijaja.
Die Melodie des Liedes ist so schön.
Schöner Jüngling aus Kasachstan, Ywan Duda
Schöner Jüngling aus Kaschstan, Ywan Duda
Komm bitte haute abend in mein Haus.
Komm mit deinem Pferd und bring die Geige mit.
Sing im Mondschein und spiel mir auf der Geige.
Eijaja..
Wir kuscheln uns und singen.

Es gibt die verschiedenen Geschichten, die sich manchmal kreuzen oder parrallel verlaufen. Es gibt die Intensität von Gefühlen, die nicht ausgesprochen werden, sondern nur in Gesten sichtbar sind. Und es gibt die Lieder von Dai Xiu, die sind wie wahrgewordene Träume. Sie sind kein Komentar zur Tristesse der Personen, die an ihren Geschichten zu tragen haben, kein Moment, der die Erzählung vorantreibt, sondern wie eine Pause, ein Abschweifen von den Zwängen der menschlichen Welt.
Eines Nachts besucht Yuewen ihren ehemaligen Geliebten Zhang in dessen Kammer. Sie reden über Wasser, Zierpflanzen und warme Decken gegen die Kühle der Nacht. Da fällt der Strom aus, wie immer zu dieser Zeit. Plötzlich sieht man Yuewen im Dunkel des Raumes weinen. Sie spricht nicht aus, was sie fühlt, und doch habe ich das Gefühl, diese emotionale Reaktion nachvollziehen zu können.
An einem Sonntag unternehmen die vier einen Bootsausflug. Dai Xiu und Zhang singen:

In einem fernen Land gibt es ein schönes Mädchen.
Wenn man an ihr vorbeigeht, muß man zu ihr zurückschauen.
niemand will sich von ihr trennen.
Ihr schönes Gesicht ist schön wie die rote Sonne.
Ihre schönen Augen sind hell wie der Mond am Abend.
Ich möchte ein schönes Schaf werden.
Dann könnte ich ihr immer folgen.
Ich möchte, daß sie mich mit ihrer schönen Lederpeitsche schlägt.

Man macht oft einen Sonntagsausflug, um den Alltag mit seinen Problemen zu vergessen. Die Beziehungen und Spannungen zwischen den Figuren scheint in dieser Szene für einen Moment zu ruhen. Das ist die seltsame Poesie der Glücksmomente, die durch die Gleichförmigkeit des Alltags scheinen. Nur in Filmen, die aus Nebensächlichkeiten große Ereignise machen können, wird so ein Sonntagsausflug zu einem feierlichen Moment. In einer anderen Szene machen Zhang und Yuewen einen Spaziergang. man sieht sie von hinten. Einmal wandern sie dicht nebeneinander, um dann plötzlich wieder auseinanderzugehen. Das ist ein seltsamer Anblick, fast wie ein Tanz durch die Vergangenheit und Gegenwart dieser Liebe.
Sie treffen sich häufig an der Stadtmauer. Einmal sieht man sie sich durch die Trümmer bewegen. Dann sind sie etwas näher, sie stehen sich gegenüber. Es existieren in dem Bild nur diese zwei Menschen. Die Landschaft scheint verschwunden, der Himmel fast nur nur weiß. Sie scheinen in diesem Moment in einer anderen Welt, vollkommen isoliert von den konkreten realen Orten zu sein, in denen man sie sonst sieht. Später verbringt Zhang eine Zeit mit Dai Xiu an diesem Ort. Die beiden wissen noch nicht, daß Liqan seiner Frau den Vorschlag unterbreitet hat, seine Schwester mit dem besten Freund zu verheiraten. Der Vorschlag mag mit den liebsten Absichten gedacht sein, doch in der Szene mit Zhang und Dai Xiu sieht man als Kontrast, was für das Mädchen wirklich wichtig ist. Unbefangen erzählt sie Zhang von ihren Träumen, von ihren Zukunftsvorstellungen. Sie tanzt in der freien Landschaft, während Zhang ihr den Takt angibt. Das hat etwas rührend Spielerisches. Tanzen, sagt sie, sei in ihrer strengen Familie verboten gewesen. Ob ihr Bruder es denn erlaubt habe, fragt Zhang. Er hat zumindest nichts dagegen gehabt, antwortet sie. Sie bewegt sich so frei in der Landschaft, daß man fast für einen Moment die Freiheit spürt, nach der sich alle Personen dieses Films sehnen. Da fragt er sie, was denn Yuewen und sie so an der Stadtmauer anziehe. Dai Xiu antwortet darauf mit einem Satz, der meiner Empfindung für die Poesie dieses Films sehr ähnlich ist: „Man kann hier auf einem Weg ohne Ende laufen.“

An einem Abend feiern sie den Dai Xius Geburtstag. Sie machen ein Fingerspiel, bei dem die Person, die verliert, einen Schnaps trinken muß. Liqang, der Kranke, darf nicht trinken. Der Diener springt für ihn ein. Ein Spiel, in dem jeder für einen Moment im Mittelpunkt ist und dann wieder außen vor steht. Einmal sieht man Zhang und Yuewen bei so einem Fingerspiel. Sie stehen sich gegenüber. Die Finger treffen sich und verdecken fast das Gesicht Liqangs, der ganau dahinter steht. Für diesen einen Moment drängt die Liebesgeschichte die Geschichte einer Ehe fast in den Hintergrund. Dai Xiu singt wieder: „Du bist schön wie eine Rose.“ Zhang, inzwischen betrunken, greift die Hand Yuewens, tanzt mit ihr. Die Schwester sieht den beiden zu und scheint für einen Moment zu erstarren. Sie versteht plötzlich, daß zwischen den beiden eine Geschichte existiert, die ihr verborgen bleibt. Die Liebenden singen: „Wir küssen uns und singen im Mondschein.“.
Eines Morgens finden sie Liqan bewußtlos. Er hat versucht, sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen. Doch das ist nicht die Konsequenz eines Eifersuchtdramas. So wie Zhang immer wieder fortgehen wollte, hat ihn der Freund immer wieder überredet, zu bleiben. Seine Anwesenheit mache Yuewen glücklich, hat er immer wieder gesgt, den Schmerz der Eifersucht immer unterdrückend. Ein Selbstmordversuch aus Liebe zu seiner Frau und dem besten Freund. Jede dieser Personen liebt oder fühlt eine tiefe Sympathie für die anderen. Das Tragische braut sich nicht zusammen, es entsteht aus einer kaum wahrnehmbaren Reibung zwischen Liebe und Verzicht, zwischen individuellem Wunsch und Verantwortung für die anderen Menschen, die man liebt. Am nächsten Morgen versammeln sich alle am Bett des kranken Liqan. Die beiden Frauen halten die Hand des Kranken. Wenig später halten sie sich gegenseitig die Hände. Diese kleine, zwischen den Personen immer wiederkehrende Geste ist eine der tiefen Zuneigung und des Verständnisses.

Zhang wird endgültig das Haus verlassen. Der alte Diener und Dai Xiu begleiten ihn ein Stück. Der Diener geht gebeugt, Zhang mit ernster Haltung, die Schwester bewegt sich unbeschwert, fast tanzend. Da sieht man Yuewen mit dem Korb, mit dem sie immer zum Einkaufen in die Nähe der Stadtmauer geht. Dabei scheint sie den dreien nachzublicken. Liqan kommt ins Bild. Sie hebt die Hand, zeigt in eine Richtung. Der Mann schweigt und dieses Schweigen könnte das größtmögliche Verständnis für seine Frau bedeuten. Jetzt ist das Ehepaar fast nur noch als schwarze Silhouette sichtbar.
Als ich für mich Mozarts Da Ponte-Opern entdeckte, habe ich schnell das Interesse daran verloren, Mozart im Kontext einer vorrevolutionären europäischen Geisteswelt zu sehen. Entdeckt habe ich die Musik mit Musikern und Sängern aus allen Teilen der Welt. Die Innigkeit von Empfindungen, Gesten und die Tiefe menschlicher Beziehungen in einem Film wie Xiao Chen Zhi Chun ist hier in den Bildern, wie bei Mozart ausschließlich in der Musik zu finden. Die wahre Geschichte des Films steckt in den Filmen. Filmgeschichte hat wahrscheinlich erst dann einen Sinn, wenn sie wie bei diesem wunderbaren Film von Fei Mu wieder zur Gegenwart wird.

Rüdiger Tomczak
(Erstveröffentlichung, shomingeki Nummer 5, Februar 1998, vergriffene Ausgabe)