Montag, 11. November 2013

Die schönsten Kinos meines Lebens


Metropolis, Bochum: ein Programmkino, ehemals eines der Bahnhofslichtspiele (Bali) und eines der letzten Bahnhofkinos in Deutschland. Es war auch das erste Kino, das ich in meinem Leben besucht habe.



Grand Palast 1, Essen, eines der schönsten Kinos für Cinemascope und 70mm. Geschlossen seit etwa Ende der 80er Jahre und in ein Variete-Theater umfunktioniert.


Casablanca, Bochum ehemals Intimes



Saint Lambert, Paris. Ob das Kino noch existiert, weiss ich nicht.



Eulenspiegel, Essen, existiert immer noch in all seiner Pracht.


Galerie Cinema, kleines Filmtheater in Essen.


L´Impérial, Montreal, Kanada.



International, Berlin, eines der letzten wirklich schönen Kinos in Berlin, wenn nicht das schönste überhaupt in der Stadt.



Das Royal, leider abgerissen um 2005. Das Kino hatte die grösste gewölbte Leinwand der Welt um etwa 400 Quadratmeter. Es war lange Zeit auch Berlinalespielort und wohl auch das schönste Berlinale-Kino überhaupt.

Samstag, 9. November 2013

18 Jahre Filmzeitschrift shomingeki I.


Titelfoto der Nummer 1 (Fukai Kawa, Kei Kumai, 1995)

Auch wenn seit einiger Zeit keine Printversion erschienen ist, eine Ausgabe wird es im nächsten Jahr ganz sicher noch einmal geben. Und was danach passiert, das weiss keiner. Die nächste Printausgabe ca Mitte 2014 wird dann die Nummer 25 sein. Abos können leider erst verlängert werden, wenn feststeht, dass shomingeki als Printausgabe auch weiterhin erscheinen wird.
Alle Hefte von Nummer 6 bis 24 sind noch verfügbar und können unter der Redaktionsadresse bestellt werden.
In welcher Form auch immer - und auch wenn die Zeitschrift derzeit unterm Sauerstoffzelt liegt - als Print oder als Web-Version, es wird sie weiter geben.
Darum soll mich auch nichts davon abhalten am 30. November den 18.Geburtstag von shomingeki zu feiern. Ein Grund mehr dafür ist, dass eben jener 30. November zufällig auch der 70. Geburtstag meines derzeitigen noch lebenden Lieblingsregisseurs Terrence Malick ist. Und unter den Texten zu Filmen, die ich geschrieben habe, die mir am liebsten sind, ist ganz sicher der Text zu The Tree of Life.

Die erste Ausgabe erschien an diesem besagten 30. November und war nur 36 Seiten dick. Auf der Titelseite war ein Foto aus einem nunmehr vergessenen Meisterwerk des Japaners Kei Kumai (1930-2007) Fukai Kawa.

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom Juni des folgenden Jahres von Hans Schifferle (eigentlich über 100 Jahre FILMFAUST aber mit einem grossen Abschnitt über die "neue" Zeitschrift shomingeki)  machte shomingeki erst bekannt, einem Artikel, dem ich sehr viel zu verdanken habe.
Kurz nachdem die erste Ausgabe erschienen ist, bekam ich sogar einen Brief von Daniele Huillet, den ich irgendwo noch aufgehoben habe.
1995 war auch das Jahr, in dem ich durch shomingeki mit dem Franko-Kanadier Claude Forget, dem Leiter des ehemaligen Independent Verleih-Kollektivs Cinéma Libre in Kontakt kam, der mich bis zu seinem Tod im Sommer 2008 mit Informationen und Videokassetten des unabhängigen Kinos in Quebec versorgt hat.
Daniele Huillet starb 2006, Kei Kumai 2007 und Claude Forget 2008.
Das waren die traurigsten Jahre von shomingeki.

Rüdiger Tomczak



Samstag, 17. August 2013

Mr. and Mrs. Iyer von Aparna Sen, Indien: 2002




"Maybe all men got one  big soul where everybody´s part of  it.
All faces of the same man, one big self."
( Monolog aus dem Film The Thin Red Line von Terrence Malick, USA: 1998)

für Lyne Beaudry

Es gibt Filme, über die könnte man schreiben, erzählen wie über Reisen, Begegnungen, Selbsterlebtem, der Tatsache trotzend, dass es sich um eine erfundene Kinogeschichte handelt, die einen vorübergehend in eine Scheinidentität entführt. 

Der Film beginnt mit einer verstörenden Collage aus verschiedenen Zeitungsausschnitten und mehreren übereinander gelagerten Stimmen und Tönen. Es geht um verschiedene terroristische Massaker, religiös oder politisch motiviert. Das mag ein Verweis auf diese bestimmte Zeit (der Film wurde während der Zeit kurz vor und nach dem 11. September 2001 gedreht), sein.  

Dann ist in einer Totalen ein kleiner rot-weisser Bus zu sehen und die Stimme eines Erzählers spricht von zwei Fremden, die sich während einer Busfahrt begegnen. Es gibt sogar (bevor der Film beginnt, seine Geschichte zu erzählen) eine dritte Einleitung. Meenakshi, eine junge orthodoxe Hindufrau aus dem Süden,  wird von ihrer Mutter frisiert und mit diversen Ritualen auf eine lange Reise vorbereitet. Die lässt sich das gefallen, in einigen Äusserungen wirkt sie aber etwas gereizt, scheint sich zu sehr bevormundet zu fühlen. Sie will mit ihrem noch nicht ganz ein-jährigem Kind die Rückreise nach Kalkutta zu ihrem Mann antreten.  

Ein Busterminal, wo viele fremde Menschen zusammenkommen, um eine Reise zu machen: unter anderem eine Frau mit ihrem halbwüchsigen, behinderten Sohn, eine Gruppe von Teenagern, ein älterer Mann mit seiner Frau und seiner Schwester oder zwei Sikhs. Die Reisenden sind anonym wie die Zuschauer, die zusammen vor einem Filmtheater warten. 
Damit aus dieser zufällig aufeinander treffenden Gruppe von Menschen Fiktion, eine Geschichte entstehen kann, bedarf es einiger entscheidender Forcierungen. Da Meenakshis Vater der Forstverwalter diese Gebietes ist, wird der Naturfotograf Raja, ein liberaler Moslem (der dem Vater seine Fotografiererlaubnis verdankt), von Meenakshis Eltern gebeten, der jungen Frau, die mit Kind und viel Gepäck reist, ein wenig behilflich zu sein.
So kommt der Film mit dem fahrenden Bus gleichermassen in Bewegung  Der Vorspann beginnt und wir sehen den Bus auf schwindelerregend steilen und engen Landstrassen durch eine gebirgige und grüne Landschaft fahren. Das erinnert mich an das wunderbare japanische Road-Movie Arigato-san (Herr Dankeschön, 1936) von Hiroshi Shimizu.

Jetzt sind die Personen für einige Zeit auf engstem Raum zusammen und aus Situationen und oft komischen Momenten beginnt sich der Film zu entfalten. Und wie in Renoirs The River, habe ich mich gleich in eine ganze Reihe von unterschiedlichen Personen verliebt: vier junge Mädchen, die mit ein paar Jungen laut und falsch Lieder singen, die schöne, traurige Frau mit dem behinderten Kind, ein von der Enge des Fahrzeugs bedrängter Mann, der versucht, mit ein paar anderen Karten zu spielen, ein altes muslimisches Ehepaar, Meenakshi und Raja, der introvertierte Fotograf. Aus diesen ganz unterschiedlichen Menschen, die sich durch Sprache, Religion, Alter und Geschlecht voneinander unterscheiden, setzt der Film das Mosaik eines Menschenlebens zusammen. Aparna Sen hat jedem dieser Individuen Merkmale gegeben, die sehr schnell das visuelle Gedächtnis bewohnen. Wie in den Filmen von Ford oder Ozu sieht man diese ganz verschiedenen Lebensalter bald in eine seltsame Beziehung zueinander treten. 

Der Bus ist so vollgepackt mit Menschen, wie die etwa 40 Minuten andauernde Busszene gefüllt ist mit visuellen und narrativen Ideen, die für mich den Reichtum des Films ausmachen. Man lernt etwas über die multikulturelle Vielfalt Indiens, aber auch über den spirituellen Subkontinent Kino. In der notwendigen Reorganisierung der Zeit (die mehrere Stunden dauernde Busfahrt muss auf 40 Minuten Filmzeit verdichtet  werden), bringt Aparna Sen vermeintlich gegensätzliche Vorstellungen von Film zusammen. Die Innenszenen des Busses, die in Realzeit erscheinen (und wo jeder Schnitt, ein Blickwechsel oder ein Augenaufschlag ist) werden von Totalen des Busses unterbrochen. Diese Totalen können kurze, aber auch längere Zeitabschnitte überspringen. Das hat sowohl mit “der Überwindung der Zeit durch den Raum” (François Truffaut über The Birds von Hitchcock), als auch mit einigen Eisenbahnszenen in den Filmen Ozus zu tun, die die Montage als künstliches Element der Organisierung von fiktiver Filmzeit offenbar werden lassen. Die Montage in Mr. and Mrs. Iyer ist poetisch und analytisch zugleich.  

Aparna Sen scheint sich frei zu bewegen in einer spirituellen Landschaft, die mir geschaffen zu sein scheint aus dem Reichtum der über 100-jährigen Geschichte des Films. So wie sie die Vergangenheit des Erzählkinos mit seiner Gegenwart zusammenbringt, schafft sie ganz eigenartige Verbindungen zwischen den verschiedenen (Lebens-) Zeiten ihrer Figuren, die zu Momenten führen, die ich filmische Poesie nennen möchte. Unter anderem gibt es zwei hinreissende Beispiele, die auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen, für mich aber schon Grund genug wären, den Film zu lieben. So gibt es eine kleine Szene, in der Meenakshi Probleme mit ihrem Kind hat, das schreit. Sie blickt sich nach hinten um, versucht Raja zu rufen, der ein paar Reihen hinter ihr sitzt. Direkt in der Sitzreihe hinter ihr sitzt ein junges Paar (durch den Bindi der Frau als Hindus erkennbar), das miteinander flirtet. Für ein paar Sekunden sieht man Meenakshis Blick auf das junge Paar, das sich im Gegenteil zu ihr völlig frei verhält. Dieser Blick hat für mich so etwas zwischen Sehnsucht und Neid  einer viel zu früh an Mann und Kind gebundenen Frau. Dieser nur Sekunden andauernde Blick ist so intensiv, dass ich ihn kaum vergessen kann. Er ist auch eine Ahnung von dem was die Schauspielerin Konkona Sen Sharma mit manchmal nur einem einzigen Blick zu bewirken vermag. Sie scheint auf eine mögliche Realität zu schauen, die ihr versagt geblieben ist. 
Der andere Moment ist etwas komplexer  und zugleich ein schönes Beispiel, wie Aparna Sen hier unterschiedliche Lebensalter  miteinander in Beziehung setzt. Der alte Moslem beschwert sich bei seiner Frau grummelnd über die Lautstärke der jungen Leute. “Let them, it is their time for fun”, antwortet sie. Ein anderes Mal schimpft er über die “schamlose Kleidung” der jungen Mädchen. Wenig später greift eines der Mädchen, dass Kushboo heisst, zur Gitarre und singt ein Lied, das mit der Zeile “Don´t say a word”, beginnt. Der alte Mann ist müde geworden, sein Gesicht hat jetzt etwas verträumtes, entrücktes. Zuvor hatte er sich noch mit seiner Frau unterhalten, wie es war, als sie sich vor so vielen Jahren kennenlernten. Als die Frau mit ihm schimpft, da er andauernd sein Gebiss rausnimmt und sich so nie dran gewöhnen werde, antwortet er, schon fast eingedöst und verzaubert von dem Lied des Mädchens, eher gesungen als gesprochen: “Don´t say a word”. Die gegenwärtige Jugend des singenden Mädchens und die Erinnerung an seine eigene Jugend, die zeitlich so weit zurückliegt, kommen auf wunderbare Weise zusammen. Das Mädchen und der Alte haben jeder für sich einen Platz zum Träumen gefunden. 

Was Mr. and Mrs. Iyer beispielsweise mit Ozus letztem Meisterwerk Samma no aji (Ein Herbstnachmittag, 1962) gemein hat, ist seine nicht auf den ersten Moment erkennbare Komplexität. Ich habe einmal versucht, Muster in Ozus Film ausfindig zu machen, indem ich die gesamte Reihenfolge der erscheinenden Orte und Räume aufgelistet habe. In Aparna Sens Film könnte man eine Skizze von der Anordnung der Businsassen machen. Jede der Figuren hat ein oder mehrere Pendants, in dem sie sich spiegelt, das eine andere Lebenszeit dieser Figur, eine andere mögliche Realität repräsentiert oder einfach nur in einer Person Erinnerungen auslöst: Raja und der Jude Cohen, Meenakshi und das junge Hindupaar und eine ältere Hindu-Frau, Kushboo und das muslimische Paar. Wie in Ozus Film sind hier Vergangenheit und Gegenwart in den Bildern  miteinander verbunden. 

Plötzlich muss der Bus mit seinen mittlerweile meistens schlafenden Passagieren auf eine Umgehungstrasse ausweichen, da die Hauptstrasse gesperrt ist. Doch auch die Ausweichstrasse ist bald von verschiedenen stehengebliebenen Lastwagen und Bussen blockiert. Die Dämmerung bricht herein und die Passagiere vertreten sich die Beine und erkundigen sich bei dem Fahrer. Der alte Moslem betet, sein Gesicht der untergehenden Sonne zugewandt.
In einem Gespräch erzählt einer der Sikhs von einem Bombenattentat auf einen Zug, ausgeführt von religiösen Fanatikern, das Hunderte von Todesopfern zur Folge hatte. Langsam erwachen auch Meenakshi und Raja. Sie lächelt etwas verlegen, als sie ihre Hand auf der des noch schlafenden Raja entdeckt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne scheinen in ihren Gesichtern wider. Und dieses Licht auf den Gesichtern von Konkona Sen Sharma und Rahul Bose ist so schön wie die letzten Spuren eines sich auflösenden angenehmen Traumes. Plötzlich Lärm: aufgebrachte Menschen, mit Knüppeln bewaffnet, stürmen vorbei durch eine Flusslandschaft die seltsam an das prähistorische Kapitel aus Kubricks 2001 erinnert. Ein Polizeijeep kommt und der Offizier erklärt die Ausgangssperre und will keine Verantwortung für die übernehmen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit im Freien aufhalten. Die religiös motivierten Ausschreitungen, die zunächst nur in unmerklichen Spuren zu sehen waren (in den Zeitungen, die einige Passagiere im Bus lasen) wird nun gegenwärtig. Sie befinden sich in einem Krisengebiet, wo Hindus und Moslems sich bekriegen. 

War die Gemeinschaft während der Busfahrt nicht nur ein “little India”, wie Aparna Sen mal gesagt hat, so wie die Gemeinschaft in Shimizus Arigato-san ein Querschnitt durch das Japan der Wirtschaftskrise in den dreissiger Jahren war, bieten die Fahrzeuge in beiden Filmen auch noch eine andere Bedeutung an. Es sind kinoähnliche Vehikel, die durch ihre Sichtfenster die Welt fragmentarisch befahren, ähnlich wie der Blick auf den begrenzten Ausschnitt der Leinwand.  Der Bus als "kinoähnlicher" Ort in Mr. and Mrs. Iyer war trotz aller kulturellen und religiösen Unterschiede der Menschen ein relativ friedlicher und zivilisierter Ort. Jetzt bricht die Gemeinschaft auseinander. Hindus und Sikhs schimpfen über Moslems und auch Meenakshi ist verstört, als sich Raja ihr als Moslem offenbart. Nur Cohen und die Gruppe von jungen Leuten halten sich mit verbalen Vorurteilen zurück. Sie werden gezwungen, die Nacht gemeinsam im Bus zu verbringen. Die Dunkelheit ist hereingebrochen, die Fenster sind schwarz und der Raum ist entsetzlich eng geworden. Die falschen Symbole der Zivilisation versagen ihren Dienst: die Fahrzeuge, die nicht weiterfahren können, die Handys, die plötzlich nicht mehr funktionieren. Auch dieses “little India”, Sinnbild der Zivilisation des Subkontinents, scheint allmählich in prähistorische Stammesrivalitäten zu zerfallen. 

Fanatische Hindus stürmen den Bus, offensichtlich auf der Suche nach Moslems. Einige Männer müssen die Hosen herunterlassen, um ihre religiöse Nicht-Zugehörigkeit zu beweisen. Ausgerechnet Cohen, der aufgeklärte Jude, verrät das alte muslimische Paar. Die werden erst geduldig, dann mit Gewalt aus dem Bus gebracht und die Ahnungslosigkeit der alten Leute bricht sich an der offensichtlichen Absicht der Fanatiker. Die Szene ist bedrückend obwohl die Grausamkeit ausserhalb des Bildes stattfindet. 
Beklemmendes Schweigen. 
Nur Kushboo steht auf, fleht die Männer an, die Alten im Bus zu lassen. Ein gewaltiger Schlag ins Gesicht bringt sie zum Schweigen. Als Raja empört aufstehen will, drückt ihm Meenakshi in einer schnellen Reaktion das Baby in den Arm. Da gibt es einen ergreifenden Moment von Rahul Bose, der weit über den Kontext dieser Szene hinausgeht. Da ist etwas in seinem Gesicht, wie das Eingeständnis seiner Ohnmacht. Er, dessen Beruf das Aufzeichnen von Momenten, Bildern ist, wird zur Handlungsunfähigkeit verurteilt. Das einzige was er jetzt tun kann, ist das schreiende Kind an seine Brust zu drücken, um es zu beruhigen. Meenakshi gibt Raja als ihren Ehemann aus und bewahrt ihn so vor dem sicheren Tod. Der Film eröffnet damit ein neues Element in der Geschichte. Die Figuren Raja und Meenakshi machen jetzt das gleiche, was ihre Darsteller Konkona Sen Sharma und Rahul Bose tun -  sie spielen fiktive Personen.

Auf die Frage, warum Cohen das alte Ehepaar verraten habe, antwortet der weinend: “They would have killed me. I am Jewish. I don´t have a fore skin.” Er, der einer noch kleineren Minderheit angehört, hat entgegen seiner Weltsicht aus Angst gehandelt, eine Reaktion, die von vielen anderen Businsassen ebenso denkbar gewesen wäre. 

Identifikationen wie in einem Traum
Ich bin der alte Moslem, der mit seiner Frau aus dem Bus gezerrt wird,
den man aus der Gemeinschaft herausreisst und den man zusammen mit seiner Frau an einem verborgenen Platz ermordet.
Ich bin der Jude Cohen, der das alte Paar an die Hindu-Extremisten verraten hat, aus Angst, er könne selbst ein Opfer der Fanatiker werden und den man auch aus der Gemeinschaft verbannt. 
Ich bin auch Meenakshi, die viel zu jung verheiratet wurde, um den Fortbestand ihrer orthodoxen Familie zu sichern und die man um ihre Träume betrogen hat.
Ich bin auch Raja, der Fotograf, der ein weltoffener Freigeist zu sein scheint, aber der unfähig ist, seine Gefühle, seine Ängste, seine Wünsche zu benennen. Er ist verheiratet mit seiner Kamera oder den diversen Naturschutzparks in Indien, in denen er Bilder sammelt.
Vielleicht bin ich auch das Baby Santanam, dass weder blind für die Schönheit noch für die hässlichen Seiten der Welt ist.
Das Kind, das keine Vorurteile kennt und die Menschen ihrer selbst wegen akzeptiert, solange sie freundlich sind. 
All diese Seelen haben zu mir gesprochen, wie in einem Traum, einem den ich träume, wann immer ich diesen Film sehe. 
Dieser Film ist Himmel und Hölle gleichzeitig.
All diese Personen sind  manchmal allein:
wenn sie träumen,
wenn sie lieben,
wenn sie sich fürchten,
wenn sie sterben.


Der Morgen bricht an. Während von der Tonspur ein Lied zu hören ist, dass auf einem alten Suffi-Gedicht aus dem 11. Jahrhundert basiert, sieht man Cohen einsam und in Gedanken verloren durch die Landschaft gehen. Er hat einen ähnlich traurigen Abgang wie Jean Renoir als Octave in seinem Film  La Regle du Jeu. Diese Einstellung verleiht ihm eine seltsame Würde. Man weiss, dass er ebenso gut wie das muslimische Paar das Mordopfer hätte sein können. Cohen ist die dritte tragische Figur des Films. Vielleicht verweist der Film auch hier auf die Zeit seiner Entstehung wo in Indien für kurze Zeit Hindu-Fundamentalisten an der Regierungsmacht beteiligt waren, die sich oft Nazi-Parolen zu eigen gemacht haben, was übrigens Cohens Panik nur zu verständlich macht..
Auch Raja verlässt den Bus. Er, der nicht handeln konnte, fotografiert die Zeichen der schrecklichen Mordnacht: das Gebiss des alten Moslem neben der zerbrochen Box und der zerbrochenen Brille am Ufer des Flusses. Neben diesen wie zu Kristallen gewordenen Spuren der Tragödie, fotografiert Raja auch Momentaufnahmen von Menschen, die ihre Reise nicht fortsetzen können und in dieser Stagnation ganz alltäglichen Handlungen nachgehen. Raja ist wie ein Zuschauer. Das einzige, was er tun kann, ist zusehen und das Gesehene aufnehmen. Das erinnert uns an diese manchmal schwer zu ertragene Passivität als Kinozuschauer. 

Die ganze lange Nacht.
Das geräusch des Wassers sagt,
was ich denke.
(Gochiku, japanischer Haiku-Poet)

Da aufgrund der Unruhen Ausgangssperre herrscht, bringt ein Polizeioffizier Raja, Meenakshi  und das Kind zu einem entlegenen Forsthaus. Das ist erneut ein hermetischer Ort. Und dieser seltsam entrückte Ort ist inmitten der die ganze Region betreffenden Ausschreitungen auch ein Ort des Träumens. Nur ein alter Verwalter wohnt dort, einer , der in Erinnerungen an vergangene Zeiten lebt, als seine Frau noch lebte. Der Film bringt die Welt wie sie ist, und wie man sie träumen kann, zusammen. Aus dieser Spannung wird der Film von nun an seine Kraft ziehen. Raja und Meenaskshi (die nun von allen für ein Paar gehalten werden) sind nicht nur Fremde, sondern neben der Religion trennt sie auch die Sprache. Das Englisch, in dem sie reden, ist der einzige gemeinsame Nenner. Andererseits entsteht  eine seltsame Intensität zwischen ihnen, so wie es passieren kann, wenn Menschen zusammen, freiwillig oder unfreiwillig, eine Reise machen oder für einige Zeit aufeinander angewiesen sind. 
Losgelöst, fast schwerelos über dem plot oder über dem, was man Geschichte nennt, gibt es weiterhin Momente, die der Poesie eines Haikus ähneln. Einmal sieht man Meenakshi mit dem Kind auf dem Arm. Sie ist ängstlich und nervös, weil sie mit einem fremden Moslem die Nacht in dem Haus verbringen muss. In der Tiefe des Bildes sieht man einen Arbeitselefanten vorbeilaufen. Santanam, das Kind, bemerkt ihn, zeigt mit dem Händchen auf ihn und gibt aufgeregte Laute von sich. Meenaskshi bemerkt diesen Moment nicht einmal. Das Kind lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein völlig anderes Detail im Bild. Man kann die Welt sehen wie Raja, Meenaskshi oder der völlig von der Situation überforderte Polizeioffizier. Aber man kann sie auch wahrnehmen wie das Kind, das etwas Schönes sieht und seine Freude daran hat.  

Es gibt einen Streit zwischen Meenakshi und Raja und am nächsten Morgen die Versöhnung.  So vielfältig das Gewirr verschiedener Sprachen und Akzente ist, werden die Gefühle und Spannungen zwischen Meenakshi und Raja oft in Bildern erzählt. Raja, der zurückhaltende Fotograf macht Bilder von dem, was ihn berührt, wie zum Beispiel von Meenakshi und dem Kind. Es ist das wunderbare Licht des Kameramannes Gautam Ghose, dass in seinem Gesicht den Anflug einer Empfindung erahnen lässt. Rahul Bose ist für das neue Indische Kino so etwas wie der junge Henry Fonda in einigen Filmen von John Ford, ein Darstellertypus, der gerade in seiner Zurückhaltung ergreifend ist. Und Konkona Sen Sharmas Meenaskshi ist eine der bewegendsten Frauencharaktere, die ich seit Jahren in einem Film gesehen habe. Gerühmt wurde sie wegen ihrer seltsamen Fähigkeit sich in kurzer Zeit verschiedene Akzente, nahezu spielerisch anzueignen, wie zum Beispiel den amerikanisch-englischen Akzent in Shonali Boses Amu. Aber hier liegt der Zauber ihrer Darstellung vor allem in der Mimik und manchmal ist es nur ein sekundenlanger Blick von ihr, der ihre Figur auf unheimliche Weise beseelt.   

Wieder in der nahegelegenen Stadt, wo die Menschen für eine kurze Zeit Besorgungen machen können, bis die Ausgangssperre wieder in Kraft tritt: Meenakshi und Raja sitzen mit dem Baby in einem Teesalon. Die jungen Mädchen, die sie von der Busreise her kennen, gesellen sich zu ihnen. Sie sind neugierig die “Liebesgeschichte” dieses vermeintlichen Paares zu erfahren. Meenakshi und Raja erzählen die (fiktive) Geschichte ihrer ersten Begegnung. Raja steigert sich immer mehr in eine detailreiche Erzählung von "Flitterwochen" in einem Tempel in Kerala hinein. Obwohl wir (wie Raja und Meenakshi) wissen, dass diese Geschichte erfunden ist, wird sie Emotionen, Sehnsüchte wecken und hier wird es einen Moment geben, den ich mir aussuchen würde, wenn ich den Film in einer einzigen Szene beschreiben müsste. Raja malt diese nicht wirklich erlebte Vollmondnächte in Kerala aus. “We didn´t need oilamps, Meenakshi, did we?, sagt er und blickt Meenakshi dabei an. Die ist völlig geistesabwesend, wie in einen Traum versunken. Man muss ihr Gesicht gesehen haben und wie sie fast erstaunt den Blick Rajas erwidert, um zu verstehen, dass bei mir da der Atem ausgesetzt hat. Dieses Verstummen von Konkona Sen Sharma gehört für mich zu den schönsten und gleichzeitig Momenten. Was ist Kino? Diese Frage beantwortet der Film von Aparna Sen in wenigen Sekunden mit einem Blick von Konkona Sen Sharma.


Ein harter Schnitt, der uns wieder uns plötzlich wieder wie aus einem Halbschlaf herrausreisst: als der Polizist die drei wieder zu dem Forsthaus bringen will, ist die Strasse von Fanatikern blockiert und sie müssen einen Umweg nehmen. Dabei kommen sie an einem niedergebrannten Dorf vorbei. Bevor man das Dorf sieht, zeigt der Film den Schrecken in den Blicken der Personen. Diesmal ist ein Hindudorf von muslimischen Extremisten zerstört worden. Ein völlig traumatisiertes Kind schreit und es scheint das einzige Lebenszeichen in diesem Dorf zu sein.  Man erkennt das Kind, ein Mädchen wieder. Es ist den am Anfang des Films gezeigten Zeitungsausschnitten nachempfunden.  
Wieder im Forsthaus, sitzt Raja an seinem Notebook und versucht die Eindrücke der letzten Tage in Worte zu fassen. Man hört Meenakshi ein wunderschönes Schlaflied für ihr Kind singen. Später, als das Kind eingeschlafen ist,  unterhalten sich beide auf der Veranda. Es wird langsam dunkel. Die Welt ist wieder in das difuse Licht getaucht, das so sehr einem Kinosaal ähnelt. Sie sind sich seltsam vertraut geworden. Durch Rajas Objektiv beobachten sie die Tiere des Waldes. Die Art, wie Raja Meenakshi durch das Objektiv schauen lässt, hat eine eigentümliche Zärtlichkeit. Plötzlich, und zum letzten Mal in diesem Film, bricht noch einmal der Terror aus. Eine Horde Fanatiker jagt einen Mann durch den Wald. Die beiden verbarrikadieren sich in dem Haus und beobachten, wie der Gejagte ermordet wird. Der Mord wird nicht gezeigt, aber man sieht die Reaktion auf den Gesichtern von Raja und Meenakshi, die durch den Sucher der mit einem Teleobjektiv versehenen Kamera schauen. Meenaskshi erleidet eine Schock. Er legt sie sanft auf das Bett, deckt sie zu und setzt sich davor auf den Boden. Einmal wacht sie mitten in der Nacht auf und ruft den Namen ihres Mannes. Ob sie den wirklichen Namen ihres Mannes oder den fiktiven Rajas meint, wird ihr Geheimnis bleiben. 

Dann sitzen sie in dem Lastwagen einer Militärkolonne (der Polizeioffizier hat ihnen diese Mitfahrgelegenheit organisiert) auf dem Weg zum Bahnhof, wo sie die letzte Etappe ihrer so lange unterbrochenen Reise nach Kalkutta antreten.
Später betreten sie ein schäbiges Eisenbahnabteil. Der blaugraue Sari, den sie trägt, harmoniert im Licht des Abteils seltsam mit der Kleidung Rajas. Sie fragt ihn nach den Orten, die er bereist hat, möchte Anteil haben an einem Leben, was sie nie leben durfte. Und verkniffen werden ihre Fragen, ob er an diesem Ort allein war oder zu jenem Ort allein reisen werde. Für einen Moment kommen sie sich fast körperlich nahe, berühren sich und küssen sich beinahe, bis ein Passagier, der sich durch den engen Gang drängelt, sie stört. Erneut gibt es einen harten Schnitt, der die letzten Stunden der nächtlichen Dunkelheit überspringt. Meenakshi spielt mit dem Kind. Er, gerade aufgewacht, lächelt. Dann trinkt sie aus der Wasserflasche in der Art der orthodoxen Hindus, die die Flasche niemals mit dem Mund berühren, den Kopf nach hinten beugen und das Wasser in den Mund laufen lassen. Er lächelt wieder und blickt verlegen aus dem Fenster, als sie ihn darauf anspricht. Als der Zug einen kurzen Aufenthalt hat, steigt Raja aus, um Kaffee zu kaufen. Irrational und doch seltsam bewegend ist Meenakshis fast geflüsterte Satz zu ihrem Baby: ”He has left us and is gone, Baby”. Dann kommt er zurück mit dem Kaffee, stellt die Becher ab, nimmt schweigend den kleinen Santanam auf den Arm und setzt sich hin. Dann lehnt sie sich an ihn in einer seltsam körperlichen Vertrautheit. Und dann wieder ein Schnitt, diesmal der herzzerreissendste des ganzen Films. Der Zug fährt in den Bahnhof von Kalkutta ein. Meenaskshis Ehemann erwartet sie. Meenakshis Ehemann bedankt sich freundlich bei Raja, den sie ihm als Moslem vorstellt. Raja verabschiedet sich lakonisch, während Manni, Meenakshis Ehemann, mit seinem Vater telefoniert. Die beiden gehen auseinander. Plötzlich bleibt Raja stehen, nimmt den Film aus seiner Fotokamera und kehrt zu ihr zurück. “For you”, sagt er und gibt ihr, die ihm zweimal das Leben gerettet hat, den unbelichteten Film. 
Das ist das einzige Geschenk, das er ihr machen kann. 
Dann sagt er “Goodbye Meenakshi". Sie, fast mit Tränen in den Augen und mit belegter Stimme, sagt: Goodbye Mr. Iyer”. Ohne sich umzudrehen läuft Raja auf eine Gruppe von Leuten zu, die ihn erwartet. Dann noch einmal das Gesicht Meenaskshis, die ihm hinterherblickt und das Bild friert ein. Der Abspann zeigt noch einmal Fragmente von Szenen, in denen er Fotos von ihr und dem Kind gemacht hat. Bewegte Momente erstarren immer wieder zu Einzelbildern. 
Die Bilder werden immer unschärfer.
Dann ist nichts mehr zu erkennen.

Wie Raja auf die Leute zugeht, die ihn erwarten, und die zunächst unscharf zu erkennen sind, scheint er von einer Wirklichkeit in eine andere überzugehen. Ich bin gleichermassen der, der geht und die, die zurückbleibt. Und mir geht es wie Raja und Meenaskshi, die vielleicht nicht wissen, wem und wie sie von ihrer Reise, ihrer Begegnung oder von dem erzählen werden, was sie gemeinsam erlebt haben.  

Beim ersten Sehen habe ich den Film nicht gemocht. Jetzt, nachdem ich ihn mittlerweile 18 Mal gesehen habe, erscheint er mir als eines der schönsten Geschenke, das mir die über 100 Jahre alte Geschichte des Kinos durch Aparna Sen gemacht wurde, ein Geschenk, das so vieles berührt, was mir in und ausserhalb von Filmen als wichtig erscheint.
Und dieses Geschenk  ist Teil meiner Liebe zum Film geworden.

Rüdiger Tomczak  (Erstveröffentlichung shomingeki Nummer 18, Oktober 2006)


English version (differs slightly from the german version) can be read here.

 andere Texte zu Filmen von Aparna Sen in meinem englischsprachigen Blog

ein Text zu The Japanese Wife von Aparna Sen ist hier zu finden.




Freitag, 19. Juli 2013

Schneeland: Dutta Vs. Dutta (Anjan Dutt, Indien 2012)

Schneeland: Dutta Vs. Dutta (Anjan Dutt, Indien 2012): Wie schreibt man einen Text über diesen Film, wenn man noch nie in seinem Leben in Kalkutta war? Und der Film, wie man allerorten liest, ...

Dienstag, 25. Juni 2013

Unsortierte Notizen zu TO THE WONDER von Terrence Malick, USA: 2012



Ich erinnere mich an den Spätsommer 2011. Die oft hitzige leidenschaftliche und manchmal auch erbitterte Diskussion um das umstrittene Meisterwerk The Tree of Life war gerade etwas abgeklungen, da gab die Fipresci den Gewinner ihrer Mitgliederumfrage zum Film des Jahres bekannt: The Tree of Life (meine Stimme natürlich inbegriffen). Die Laudatio schrieb der Australier Adrian Marin, Great Events and Ordinary People, ein wunderbarer Text der bescheiden und doch präzise ein wenig Ordnung und Abkühlung in die aufgeheizte Diskussion um Malicks Film bringt – und nicht zuletzt den Film mit einigen sehr klug ausgesuchten Beispielen aus der Geschichte des Kinos vergleicht.
Der Text ist nicht nur eine angemessene Würdigung dieses Films, er bietet auch mit einfachen und doch wirkungsvollen Mitteln den Film von den weniger ausgetretenen Pfaden zu begehen. Damals war der Text nicht nur Balsam für meine Seele, im Laufe der Zeit habe ich ihn auch schätzen gelernt als eine sehr klare Annäherung an die Filme von Terrence Malick.

Es mag ein wenig hypothetisch klingen To The Wonder gleich in einem Atemzug mit The Tree of life zu den autobiographischen Filmen Malicks zu zählen, wie das einige Kritiker getan haben. Aber in der Art wie Malick die Freuden und Leiden der Liebenden mit der seit seiner Zusammenarbeit mit Emmanuel Lubezki und seiner permanent bewegten Kamera in Gesten und Gesichtsausdrücken einfängt – da kann man sich nicht vorstellen, dass Malick irgendeine Emotion hervorruft, die er selbst nicht empfunden hat. Durch die Filter der gewaltigen technischen Apparate hindurch ist auch dieser Film von einer oft herzzerreißenden Intensität, die mich immer wieder an Ritwik Ghatak erinnert.

So wie sich das Coming of Age-Element in The Tree of Life dem Texas der 50er Jahre öffnet und schließlich der Geschichte des Universums, so verhält sich auch die intime Liebesgeschichte von Neil und Marina zu dem Leben einer amerikanischen Kleinstadt. Lässt die Entrücktheit der Liebe ein wenig nach, öffnet sich der Film zur Architektur einer Kleinstadt und den Menschen, die sie bewohnen. Ein spanische Priester in einer Glaubenskrise und jede Menge unglücklicher Menschen: ein Mädchen, dass sehr früh zur Mutter geworden ist, Junkies, Behinderte, Einsame, Sterbende. Völlig isoliert von der Gesellschaft sind die Insassen eines Zuchthauses, die nur hin und wieder von diesem spanischen Priester besucht werden. Den hinreissenden Landschaften stellt Malick zerstörte und verseuchte Landstriche entgegen, die von Schwermetallen belastet sind und die Gesundheit der Anwohner gefährden. Einige dieser Landschaften, die von Menschen geschändet und zerstört sind, brennen sich im Gedächtnis fest.

Der Blick auf die Welt in Malick´s späten Filmen ist gleichzeitig nach innen und nach aussen gerichtet. Wenn es eine Religiosität in den Filmen Malicks gibt, dann ganz sicher einer der Körper. Und das reicht von zärtlichen Liebesspielen, Berührungen bis hin zu Verletzungen. Und diese Liebe für die sinnlich erfahrbare Materie der Welt, die gibt es sonst wohl nur in den Filmen von Jean Renoir.
Die Ideen, die man in den Film hineininterpretieren kann (oder auch nicht) werden allenfalls hervorgerufen. Malick lässt einem die Freiheit die Dinge, die er zeigt als das zu sehen, was sie sind oder eben abhängig den unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Prägungen des Betrachters aufzuladen. Die Dinge an und für sich und diese menschengemachte Aspekt, den man Bedeutung nennt stehen immer in einem dynamischen Verhältnis zueinander.

Man kann die späten Filme Malicks – und vor allem The Tree of Life ind , als universelle Kinowahrheiten sehen, aber auch als einige der persönlichsten Filme, die im gegenwärtigen Kino zu sehen sind, wie das unter anderem Niles Schwartz in seinem hinreiissenden Essay Malick´s Song about Himself V. - The Tree of Life , vorschlägt.

Malicks Kino kennt keine Ironie und schon gar keine Distanz. Er filmt nicht einfach etwas, dass er dann zeigt. Er berührt einen und das im wörtlichen Sinn. Es sind eben diese Berührungen von Menschen und Dingen, die etwas ganz Wesentliches ausmachen in diesen Filmen. Geht Malick mit seiner Handhabung der Apparate und auch mit einer gewissen Künstlichkeit einen anderen Weg als die, die man gemeinhin Minimalisten nennt, kommt er doch zum selben Ergebnis, einer Authentizität, die man spürt. Ob der spanische Priester seine und die Seelen seiner Gläubigen erlösen kann, davon erzählt der Film nicht mehr. Aber am Ende sehen wir den Priester wie er eine alte Frau beim Gehen hilft, einem Sterbenden die Hand hält. Aus dem Off hört man den Priester Jesus anrufen und das klingt eher nach einem Kind, dass sich einen Christus aus Fleisch und Blut vorstellt, ein Wesen mit den Sinnen des Körpers erfassbar, das mit dem schwer fassbaren „heiligen Geist“ wenig zu tun hat.

Wenn die Liebe zwischen Marina und Neil sich auflöst in Entfremdung und Bitterkeit, Gewalt und Distanz bleibt noch die Sehnsucht und die Erinnerung an eng umschlungene Körper.
Was vor allem in der Erinnerung bleibt ist das Licht in diesem Film, vielleicht das schönste, das ich jemals in einem Film gesehen habe. Seit The Tree of Life wissen wir, dass Malick gleichermassen an dem rein physikalischen Phänomen Licht interessiert ist wie an der spirituellen Bedeutung die dem Licht von der Vielfalt der Kulturen und Religionen beigemessen wird. Las Licht, das der Priester mit der Hand an einem Kirchenfenster spürt ist fühlbar, sichtbar und gleichzeitig entrückt. Eine Gegenlicht Aufnahme von Olga Kurylenko, die ihr Gesicht fast wie in einer Röntgenaufnahme erscheinen lässt.

Wie kann man über Filme sprechen, diese nicht verbalen Eindrücke in Worte fassen. Das noch nicht gedachte, sondern das versuchte sprachliche Formulieren von Gefühlen und Fragen seiner Protagonisten ist sicher ein guter Hinweis dafür. Die Fragen die Malicks Filme stellen sind sicher die aufregendsten Fragen, die das gegenwärtige Kino zu bieten hat.

Einem Gerücht zufolge, hat Malick den Film ohne ein ordentliches Drehbuch gedreht. Ob dem so ist, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Vorstellen kann ich es mir schon. Denn an Inspiriertheit, Verspieltheit um nicht zu sagen Tollkühnheit hat Terrence Malick im gegenwärtigen Film nicht sehr viel Konkurrenz. Ich habe natürlich kein Verständnis, wie man einen Film wie To the Wonder ausbuhen oder belächeln kann. Nun ja, wenn man Olga Kurylenkos hinreissenden Tanz im Supermarkt nicht verstanden hat, wird einem Terrence Malick wohl verschlossen bleiben.
To The Wonder ist ein weiteres Füllhorn in dem unendlich dichten Werk von Terrence Malick.


Rüdiger Tomczak






Mittwoch, 1. Mai 2013

Terrence Malick-Retrospektive im Mai Kino Arsenal



I Mai findet im Kino Arsenal (Institut für Film und Videokunst) eine Retrospektive mit Filmen von Terrence Malick statt. Und danach, Ende Mai startet endlich sein neues Meisterwerk To The Wonder in den deutschen Kinos.
Die Termine im Arsenal:

Badlands: 
12.5, Sonntag um 19.30 Uhr (zu Gast Dominik Kamalzadeh), 22.5., Mittwoch, 20.00 Uhr, 31.5, Freitag, 20.00 Uhr.

Days of Heaven:
15.5.Mittwoch, 19.30 Uhr, 30.5. Donnerstag, 20.00 Uhr

The Thin Red Line:
17.5., Freitag, 19.30 Uhr, 24.5., Freitag, 20.00 Uhr

The New World (Kinofassung)
18.5, Samstag, 20.00 Uhr, 21.5., Dienstag, 19.30 Uhr.

The New World (extended Version)
26.5., Sonntag, 19.00 Uhr

The Tree of Life
16.5., Donnerstag, 19.30 Uhr, 19.5, Sunday, 19.30 Uhr, 29.5. Mittwoch, 20.00 Uhr

Ein kurzer Text zur Retrospektive ist auf meiner Webseite zu finden, über The Tree of Life
in shomingeki Nr. 24 in deutsch und eine leicht veränderte Version in Englisch in meinem Blog eine Kompilation von zwei Texten über The New World (aus shomingeki No. 18 und 21 über den Film beziehungsweise den 2008 auf DVD veröffentlichten "extended Cut". Die englische Version der Texte ist hier zu finden.

Ich hoffe, ich muss diese Retrospektive nicht besonders empfehlen, sie ist längst überfällig, aber in diesem Jahr die perfekte Vorbereitung auf To The Wonder und gleichzeitig eine erneute Möglichkeit noch einmal seinen ergreifendsten und vielleicht persönlichsten Film The Tree of Life, zu sehen. 

Rüdiger Tomczak



Montag, 18. Februar 2013

Chiralia, von Santiago Gil, Deutschland: 2013-Berlinale 2013




(Perspektive Deutsches Kino)

Ein Schwenk durch einen Wald. Ein etwa 10-jähriger Junge drüclt sich am Ufer eines Sees herum. Sein Vater ist bereits im Wasser und ruft ihn. Dann schlägt er vor, bis zur Mitte des Sees zu schwimmen. Der Junge geht unter, ist verschwunden. Der Vater ruft vegeblich nach ihm und kehrt zum Campingsplatz zurück. Er steht unter Schock. Eine junge Frau kreuzt den Weg der Herumstehenden, die versuchen dem Vater zu helfen. Einer fragt sie, ob sie das Kind gesehen hätte. Die Frau geht zu ihrem Campingplatz. Ihr Freund kocht. Als sie ihm von dem Jungen erzählt, ist er besorgt und sie ärgerlich, denn sie meint, sie hätte es ihm nicht erzählen sollen. Eines Nachts sitzt der junge Mann allein am See und raucht. Eine alte Frau kommt dazu, die wahrscheinlich diesen Platz immer jeden Morgen aufsucht, um allein zu sein. Der junge Mann erzählt ihr, dass er als Kind beim Schwimmen mit seinem Vater einmal fast ertrunken wäre, seitdem aber nie mehr Angst vor dem Wasser hätte. Allmählich und fast unmerklich gerät die Geschichte in einen seltsamen Strudel.
Ein anderer Schwenk und wir sehen wieder den Vater im Wasser, der seinen Sohn ruft.
Der Film war zusammen mit Die Wiedergänger von Andreas Bolm in einer Vorstellung der Perspektive Deutsches Kino zu sehen. Beide Filme haben einen Hang zur Science Fiction, Bolms Film durch eine fragmentarische postapokalyptische Geschichte, der Film von Santiago Gil durch regelrechte Raum-Zeit-Verwerfungen. Die gleitend fliessenden Kamerabewegungen erinnern nicht nur an Mizoguchi, sondern in der Gleichzeitigkeit von räumlicher und zeitlicher Bewegung erinnern sie vor allem an John Sayles schönstem Film Lone Star.
Die zeitlichen Erzählebenen des Films, die anfangs so klar und übersichtlich erschienen, sind seltsam ineinander gefaltet.
Der Film von Santiago Gil ist eine schöne kleine verrückte Filmphantasie, ähnlich verspielt und wirrschön wie der andere Film der Vostellung Die Wiedergänger von Andreas Bolm.

Rüdiger Tomczak

andere Texte zur Berlinale 2013 (in Englisch) sind auf meinem anderen shomingekiblog.

Freitag, 8. Februar 2013

Hinweis auf Texte zur Berlinale 2013 im shomingekiblog

Wie im letzten Jahr gibt es in meinem englischsprachigen Blog wieder Texte und Notizen zu einigen Filmen der Berlinale. Um sie zu finden, folgen Sie diesem Link:
Berlin Filmfestival 2013

Unter dem tag Berlinale 2013 sind dann alle Texte zu finden, den aktuellsten ganz oben und den ältesten ganz am Schluss.

Samstag, 2. Februar 2013

Apropos François Delisle und das nächste Internationale Forum des Jungen Films 2013



Während des nächsten Internationalen Forums des Jungen Films der Berlinale 2013 wird der neue Film des franko-kanadischen Regisseurs François Delisle aufgeführt. Das ist eine besondere Gelegenheit für mich auf einige ältere Texte auf meiner Webseite hinzuweisen. Es sind Texte über alle 4 bisherigen Langfilme von François Delisle. Mit Ausnahme des Textes über TOI und einem alten Interview von 1994 (deutsch) sind alle Texte in Deutsch und in Englisch zu finden.

Dass LE METEORE auf der nächsten Berlinale zu sehen ist, bedeutet mir sehr viel. 
Erstens, weil ich seit Jahren der Meinung ist, dass Delisles Filme viel mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen bisher zugestanden wurde aber auch weil seine Filme ein ganz hervorragender Einstieg in die Independent-Scene des franko-kanadischen Kinos sind.

Für mich persönlich ware sein erster Film RUTH von 1994 der Zugang zu dieser Szene des Kinos aus Quebec. Mein Text über RUTH, noch veröffentlicht in einer der letzten Ausgaben der wunderbaren Zeitschrift filmwärts war der Beginn. Den Film selbst habe ich damals ohne Untertitel auf dem Weltfilmfestival von Montreal gesehen. 
Die Texte aus denen das Dossier François Delisle besteht sind dem Andenken an meinen Freund Claude Forget (1949-2008) gewidmet, einem Independent-Verleiher (der damalige Leiter der 2005 geschlossenen Kooperative Cinéma Libre), Independent-Aktivist, Curator und vor allem einem Kenner der Independent-Scene Quebecs. Mit Ratschlägen und immer wenn nötig auch mit Videokassetten hatte mich Claude immer auf dem Laufenden gehalten und die Filmemacher und Filme, die ich ohne ihn nie kennengelernt hätte, lassen sich nicht mehr zählen. 

Da ich mich durch insgesamt 7 Reisen nach  und sehr vielen Freundschaften sehr verbunden mit der kanadischen Provinz Quebec fühle, gehören die Filme von François Delisle auch zu denen, in denen ich viel von meinen Begegnungen wieder erkenne. Fernab von der Exotik diverser Reisemagazine sind die Filme von François Delisle auch ein Zugang zu Kultur und Lebensgefühl der Menschen in Quebec.

Samstag, 19. Januar 2013

Buchpräsentation - Ein gewisser Herr Lamprecht








 Am 1. Februar 1963 feierte die Deutsche Kinemathek in Berlin Eröffnung. Ihr Gründungsdirektor war Gerhard Lamprecht. Einen Tag vor der 50. Wiederkehr dieses Tages möchten wir der Öffentlichkeit nun die drei Bände vorstellen, mit der die Deutsche Kinemathek das Gesamtwerk ihres Gründers würdigt. Sie beschreiben das filmische Werk Lamprechts, führen ein in die Geschichte des Filmsammelns in Deutschland und spüren der Entstehung einer filmhistorischen Methode nach – dem auf Tonband fixierten Zeitzeugeninterview, dessen Ziel die subjektiv angeordnete Versammlung von möglichst vielen geschichtlichen Fakten ist. 

 Wir würden uns freuen, Sie und Euch am Donnerstag, den 31. Januar 2013 um 19.00 Uhr in der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen (Filmhaus, 4. Etage, Veranstaltungsraum, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin) begrüßen zu können. Im Anschluss an die Buchpräsentation laden wir Sie zu einem Altberliner Büffet ein. 

 Herzliche Grüße von Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Eva Orbanz


Dienstag, 8. Januar 2013

Die zufällige Entdeckung eines neuen Lieblingsregisseurs: Robert Mulligan



Eigentlich kannte ich bisher von Robert Mulligan nur To Kill A Mockingbird. In der letzten Ausgabe von shomingeki gibt es übrigens einen schönen Text von Peter Nau zu The Nickel Ride von Robert Mulligan (den ich mir heute als DVD bestellt habe). Was zu The Tree of Life von Terrence Malick (der Titelstory sozusagen)passen würde, hatte mich Peter Nau damals gefragt. Na ja, antwortete ich spontan würde ich Malick´s Film so zwischen Tarkovsky un diesen wunderbaren To Kill A Mockingbird ansiedeln. So kamen wir dann auf The Nickel Ride und Mulligan.

Vor ein paar Tagen - welch seltsame Koinzidenz - war es ein Tweet von Adrian Martin (der mit Great Events and ordinary people wohl einen der wichtigsten Texte über The Tree of Life veröffentlicht hat), der mich auf einen mir bisher unbekannten Film von Mulligan The Man in the Moon aufmerksam machte, da er ihn - ich weiss nicht mehr so genau wie - mit Malick´s Film in Verbindung gebracht hat. Gut, so habe ich den Film also im Internet gesucht, er schien mir interessant und wurde prompt bestellt.
Das war dann auch Liebe auf den ersten Blick und diese wunderbare Coming-of-Age-Geschichte hat nicht nur was mit dem 20 Jahre später entstandenen Film von Terrence Malick zu tun, sondern ebenso mit Jean Renoirs The River und mit einem nahezu unbekannten Meisterwerk under den Coming-of-Ages-Filmen zu tun: Thuong Nho Dong Que, des Vietnamesen Dang Nhat Minh.

Das ist sozusagen eine mehrfache Freude, einmal diesen wunderschönen The Man in the Moon (Mulligans letzter Film übrigens von 1991) entedeckt zu haben, mich noch einmal bestätigt zu fühlen welch unermessliches Potential in dem von mir geliebten und von vielen anderen verhöhnten The Tree of Life steckt - und schliesslich habe ich endlich dieses Missing-Link zwischen Renoirs The River und eben Malick´s Film in einem Film von Robert Mulligan gefunden. 
 Dann war mein Vergleich mit Tarkovsky wohl doch nicht so glücklich, und ich muss wieder an meine muslimischen Freund in Bombay denken, der Malick mit einem Sufi-Poeten verglichen hat. Und Sufi, jene wunderbare Bewegung die den Glauben an Gott und die Liebe zum Leben nicht gegen einanderstellt, da haben die Filme von Jean Renoir, Robert Mulligan, Dang Nhat Minh und Terrence Malick wirklich etwas gemeinsam.

Rüdiger Tomczak