Montag, 18. Februar 2013

Chiralia, von Santiago Gil, Deutschland: 2013-Berlinale 2013




(Perspektive Deutsches Kino)

Ein Schwenk durch einen Wald. Ein etwa 10-jähriger Junge drüclt sich am Ufer eines Sees herum. Sein Vater ist bereits im Wasser und ruft ihn. Dann schlägt er vor, bis zur Mitte des Sees zu schwimmen. Der Junge geht unter, ist verschwunden. Der Vater ruft vegeblich nach ihm und kehrt zum Campingsplatz zurück. Er steht unter Schock. Eine junge Frau kreuzt den Weg der Herumstehenden, die versuchen dem Vater zu helfen. Einer fragt sie, ob sie das Kind gesehen hätte. Die Frau geht zu ihrem Campingplatz. Ihr Freund kocht. Als sie ihm von dem Jungen erzählt, ist er besorgt und sie ärgerlich, denn sie meint, sie hätte es ihm nicht erzählen sollen. Eines Nachts sitzt der junge Mann allein am See und raucht. Eine alte Frau kommt dazu, die wahrscheinlich diesen Platz immer jeden Morgen aufsucht, um allein zu sein. Der junge Mann erzählt ihr, dass er als Kind beim Schwimmen mit seinem Vater einmal fast ertrunken wäre, seitdem aber nie mehr Angst vor dem Wasser hätte. Allmählich und fast unmerklich gerät die Geschichte in einen seltsamen Strudel.
Ein anderer Schwenk und wir sehen wieder den Vater im Wasser, der seinen Sohn ruft.
Der Film war zusammen mit Die Wiedergänger von Andreas Bolm in einer Vorstellung der Perspektive Deutsches Kino zu sehen. Beide Filme haben einen Hang zur Science Fiction, Bolms Film durch eine fragmentarische postapokalyptische Geschichte, der Film von Santiago Gil durch regelrechte Raum-Zeit-Verwerfungen. Die gleitend fliessenden Kamerabewegungen erinnern nicht nur an Mizoguchi, sondern in der Gleichzeitigkeit von räumlicher und zeitlicher Bewegung erinnern sie vor allem an John Sayles schönstem Film Lone Star.
Die zeitlichen Erzählebenen des Films, die anfangs so klar und übersichtlich erschienen, sind seltsam ineinander gefaltet.
Der Film von Santiago Gil ist eine schöne kleine verrückte Filmphantasie, ähnlich verspielt und wirrschön wie der andere Film der Vostellung Die Wiedergänger von Andreas Bolm.

Rüdiger Tomczak

andere Texte zur Berlinale 2013 (in Englisch) sind auf meinem anderen shomingekiblog.