Montag, 3. März 2014

Gakko III. (The new Voyage) von Yoji Yamada, Japan: 1998




Nach seinem bislang letzten Film Kaabee habe ich geglaubt, die wichtigsten Filme Yamadas ausserhalb der Tora-san-Serie zu kennen. Vor kurzem habe ich Gakko III. entdeckt, der ausserhalb Japans nur auf einer Hongkong-DVD zu sehen ist.  Die Gakko-Reihe, die mittlerweile aus vier Filmen besteht, lässt sich nur bedingt als Serie bezeichnen. Gemein ist ihnen nur, dass es in jedem der Filme um Schulen geht - und zwar allesamt Schulen für die Aussenseiter der Gesellschaft: Analphabeten und seelisch gestörte Jugendliche im ersten, behinderte Jugendliche im zweiten und zumeist ältere und „schwer vermittelbare“ Arbeitslose im dritten Teil. Den vierten Teil kenne ich nicht.
1996, als Yamada gerade am zweiten Teil dieser Gakko-Serie (The Learning circle) arbeitete, beendete der Tod des Schauspielers Kiyoshi Atsumi die von Yamada geschaffene Tora-san-Serie nach 48 Folgen. Sie allein hat nicht nur Yamadas Ruhm in Japan begründet, sondern auch die Shochiku-Gesellschaft in den späten 60er Jahren vor dem Ruin gerettet. Auch nach dem Tod Atsumis hat Yamada weitergemacht und mit der Samurai-Trilogie zwischen 2002 und 2006 zog er zum ersten Mal Aufmerksamkeit in Europa und Amerika auf sich. 

Gakko III. beginnt mit zwei aufeinanderfolgenden Szenen, wo Menschen durch unternehmerische Entscheidungen ihren Job verlieren.
Zuerst wird die Abteilung eines Betriebes, in dem Frauen arbeiten, von der Firma „ausgegliedert“ („Outsourcing“ heisst das hässliche, auch in der Originalfassung deutlich hörbare Wort). In der nächsten Szene lässt der Präsident eines grossen Konzerns seine höheren Angestellten zu einer Versammlung erscheinen, nur um Ihnen mitzuteilen, dass die älteren Mitarbeiter die Firma verlassen mögen, bestenfalls in schlechtere Positionen versetzt werden. Am Anfang stehen die Versammelten noch höflich (oder vielleicht unterwürfig) auf. Nach der Verkündung ihrer „Freisetzung“ sieht man grimmige Mienen und hört einen wütenden Zwischenruf. Auch hier fällt ein weiterer widerwärtiger Begriff des neoliberalen Sprachgebrauchs: „Manager for human resources“.

Der für Yamada ungewöhnlich rauhe Beginn des Films bringt in wenigen Minuten die düstere Philosophie des Neoliberalismus auf den Punkt. Es ist die Zeit einer Rezession, die Japan erschüttert. Hier fallen die Masken der vermeintlichen Fürsorge der Firmen für ihre Arbeiter und Angestellten.  

Ältere Arbeitslose sollen sich durch einen technischen Weiterbildungskurs für den ohnehin schwierigen Arbeitsmarkt weiterqualifizieren. Es geht dabei um „Boiler“, um die Wartung von Warmwasserversorgungssystemen in riesigen Gebäudekomplexen. Selbst der Kursleiter lässt keinen Zweifel daran, dass selbst nach erfolgreichem Abschluss kein besonders guter, geschweige denn gutbezahlter Job zu erwarten sei. Der soziale Abstieg werde allenfalls etwas gebremst. Unter den Teilnehmern ist Sawako, die einzige Frau, die in der ersten Szene ihren Job verloren hat. Ihr Mann ist vor 10 Jahren gestorben. Sie lebt allein mit ihrem heranwachsenden und autistischen Sohn Tomio. Der Rest der Klasse ist bunt gemischt: ruinierte Handwerker, kleine Geschäftsleute, ehemalige Arbeiter und Angestellte. Sogar ein gelernter Barkeeper ist dabei. Unter ihnen ist auch Shukichi, einer der ehemals gut bezahlten Angestellten der zweiten Eröffnungszene. Er ist schweigsam, die Demütigung und vor allem den unerwarteten Abstieg will er nicht wahrhaben. Aus Wut hat er selbst gekündigt, in dem falschen Glauben, es gäbe genug Firmen, die ihn einstellen würden. Das jähe Ende seiner Karriere kann er nur schwer verkraften.

Selten war Yamadas Tokio trister. Der Himmel ist oft bewölkt, oft liegt ein Nebel über der Stadt. Manchmal regnet es in Strömen. Yamadas Tendenz, die Bilder seiner späten Filme zu dekolorieren, findet hier einen ersten Höhepunkt. In seinen früheren Filmen sprudelte das Glück aus allen Ecken trotz schwerer Lebensbedingungen. Hier  nun werden selbst Spuren von Glück nur schwer zu finden sein.

Immer wieder fahren Züge oder U-Bahnen durch das Bild, eine gleichgültige Geschäftigkeit der von Menschen geschaffenen Maschinen, denen die Rezession nichts anzuhaben scheint. Und innerhalb dieser fast schon selbstlaufenden Geschäftigkeit versuchen die Menschen trotzig zu überleben, materiell wie mental. 
Yamada lässt sich sehr viel Zeit, seine Figuren vorzustellen, und wie immer gibt es unvergessliche Charaktere.  Bevor die Geschichte sich entfalten kann, zeichnet Yamada sehr genau den Alltag seiner Figuren Sawako und Shukichi. Selbst der Weiterbildungskurs wird sehr detailliert gezeigt.

Nach einiger Zeit findet man ihn wieder, diesen herrlichen Humor Yamadas, der nicht nur das triste Tokio etwas erträglicher macht, sondern auch den für Yamada ungewöhnlich grimmigen Beginn auszubalancieren versucht. Zwar gibt es hier wenige Nischen für Freude und schon gar keinen Spielraum für einen Aufbruch (welchen Sinn mag wohl der englische Titel „The New Voyage“ haben?), aber wenn er diese winzigen Spuren von Glück findet, dann zelebriert Yamada sie ausgiebig. 

Shukichi ist geschieden und lebt in einem kleinen Appartment. Ohne sich vorher zu betrinken, kann er nicht einschlafen. Zu seinem Sohn hat er ein schwieriges Verhältnis. Am Anfang findet der wortkarge Mann in der Schule kaum Kontakte.  Yamada zeigt seine Figuren, wie sie sind und welches Bild sie von sich zu etablieren suchen.  
Sawako muss nicht nur sich selbst und ihr Kind durchbringen. Tomio (der Zeitungen austrägt und ständig vor sich hinmurmelt) ist oft Zielscheibe von Diskriminierung.   

Allmählich gelingt es Yamada, den Moloch Tokio zu beseelen. Neben diesem Ort, in dem Menschen um ihr materielles und seelisches Überleben kämpfen müssen, bekommt die Stadt zugleich etwas fast Entrücktes. Das erinnert nicht nur an viele Filme Ozus, sondern ebenso an den wunderbaren Animationsfilm Mimi o Sumaseba (Whisper of the Heart) von Yoshifumi Kondo aus dem Jahr 1995. 
Einer dieser seltenen, aber ausgedehnten Glücksmomente findet sich in einer der schönsten Szenen des Films: Sawako, Tomio, Sukichi, Sawakos beste Freundin Yuki und deren Sohn verbringen ein Wochenende am Meer. Ein bescheidenes Vergnügen, das bei Yamada zu einem magischen Moment wird. Nichts passiert, doch fünf unterschiedliche Menschen fühlen sich zusammen wohl. Genau das erscheint mir als Yamadas Vorstellung vom Paradies. Für einen Moment verschwindet die Last des Alltags. Die Frauen erzählen Shukichi, dass sie Tomio als Kind immer mit dem lustigen Lied einer Kinderfernsehserie beruhigen mussten, wenn er geschrieen hat. Und sie singen ihm das Lied abermals vor. Sawakos Freundin beginnt bei der Erinnerung zu weinen. Shukichi, tief bewegt von der Geschichte, steht auf und singt ein Lied, da er seine Gefühle nicht in Worten ausdrücken kann. 

Mittlerweile hat sich die Klasse der Umschüler zu einer kleinen Gemeinschaft gebildet. Einmal tritt der Lehrer mit der Nachricht an Sawako heran, dass die Polizei angerufen habe. Man hat der Schule mitgeteilt, dass Tomio nach einem Fahrradunfall im Krankenhaus sei. Schnell wird ein Taxi bestellt, und Shukichi drückt der Mutter einen Geldschein in die Hand. In Momenten des Unglücks zeigt Yamada die Solidarität als den einzigen Garanten des seelischen und materiellen Überlebens. 

Später gibt es sogar den Anflug einer Liebesgeschichte zwischen Sawako und Shukichi, die allerdings durch den Selbstmordversuch von Shukichis geschiedener Frau beendet wird.
Einige Zeit ist vergangen, die Umschulung abgeschlossen, die Abschlussfeiern sind längst vergangen. Die meisten haben einen Job gefunden, Sawako und Shukichi haben sich etwas aus den Augen verloren. Das Leben ist wieder etwas grauer geworden. Sawako arbeitet, gekleidet in eine blaugraue Uniform, für die Hausmeisterei eines grossen Bürogebäudes. Einmal sieht man sie, vor den herablassenden Blicken von Büroangestellten, zusammen mit einem Kollegen eine Neonröhre austauschen. Es ist kaum zu übersehen, dass ihre jetzige Stellung nicht mehr als eine Handlangertätigkeit ist, ein schlichter Erfolg ihrer grossen Bemühungen. Ihren älteren Klassenkameraden geht es ähnlich. In Kellergewölben von grossen Gebäuden sorgen sie für Wärme, Wasser und Sicherheit.
Sawako erfährt, dass sie Brustkrebs hat. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht unter ihren Freunden, die sich von ihren unterirdischen Arbeitsplätzen aus gegenseitig per Telefon verständigen. In einer Einstellung, in der man deutlich durch einen Schacht das aufragende Gebäude sieht, wird dieser Zusammenhalt von Menschen, die „ganz unten“ stehen, sprichwörtlich. Sie alle beschliessen, Sawako am Tag ihrer Operation im Krankenhaus zu besuchen.
Wie und ob Sawako die Operation überstehen wird, beantwortet der Film nicht mehr.
Am Tag der Operation liegt Sawako im Krankenbett. Yuki und Tomio sind auch gekommen, später wird Sawako auch von ihrer einzigen Tante besucht. Als die Narkose vorbereitet wird, fährt man das Bett langsam aus dem Zimmer. Im Gang warten ihre Freunde aus dem Umschulungskurs. Auch Shukichi ist dabei. Ob es seiner Frau besser gehe, fragt Sawako mit dünner und durch die beginnende Narkose immer müder werdenden Stimme. Er nickt und dreht den Kopf zur Seite, da er seine Tränen nicht zeigen möchte. Das Krankenbett wird in den Operationssaal geschoben, über der geschlossenen Tür leuchtet eine rote Lampe. Für einen kurzen Augenblick bleiben die Freunde davor stehen wie vor einer Kinoleinwand, vor der sich bereits die Vorhänge geschlossen haben. Dann löst sich die Gemeinschaft auf. Nur Shukichi und Tomio bleiben zurück.  Shukichi legt seinen Arm um den Jungen. Während die ersten Kanjis über das Bild rollen, hört man ein Lied, das es mir angetan hat. Der Text scheint die Seele des Films und vielleicht des gesamten Yamada-Werks in ein paar Versen zusammenzufassen. Ich zitiere aus den etwas holprigen Untertiteln der 
Hong Kong-DVD:

„Life passes in a blink,
we´re just momentary stars.
Without blinking,
even reluctant to breathe,
we want each other.

When are you disappearing?
When are you leaving me behind?
When are you going without me?
Even if your reflecting mirror
doesn´t have a song to praise you.
I will praise you,
about you unknown to you
That humble life
may be critized by someone.
That humble life
may be judged useless by some.
But I will praise you,
unknown to you.
People are beasts,
without fangs, poison or thorn.
Just given tears to be pained.
A naked beast.
I will praise you (..)

Die Magie dieses wunderbaren Films in Worte zu fassen, ist nicht einfach. Vielleicht sollte ich wie Shukichi aufstehen und diesem Film ein Lied singen.

Rüdiger Tomczak